DIE ERDE - DIE VERLORENE GÖTTIN
Ein Märchen über den Zyklus der Göttin
Es war einmal ein lebendiger Planet, rund und weich wie eine Schoßraumblüte. Ihr Name war Gaia, und sie war mehr als nur Erde - sie war eine Göttin.
Eine uralte Alchemistin, deren Körper aus Flüssen,
Feldern und einem Feuerherzen.
Ihre Haut war fruchtbar, ihr Atem voller Wind
und in ihren Tiefen schlug das Herz des Lebens selbst.
Doch Gaia war nicht allein. Sie war Teil eines größeren Tanzes vieler Planeten - eingewoben in den Zyklus der Mondin, die in der Stille der Nacht silberne Geschichten sang. Die Mondin lenkte mit ihren magischen Armen das Wasser der Ozeane, das Blut der Frauen und das Erblühen der Knospen.
Alles war Eins.
In Gaias Herzen wohnten vier Töchter, jede ein Aspekt ihrer Kraft.
Jede erschien, wenn es Zeit war. Und Gaia sang sie in den Kreislauf der Welt.
Zuerst kam das Mädchen, leichtfüßig wie Frühlingswind.
Sie trug eine offene, weiße Blüte im Haar - Symbol der Neugier, der Sehnsucht und der ungebändigten Lebenskraft.
Sie fragte: „Wer bin ich?“ und tanzte barfuß über den Morgentau.
Ihr Lachen weckte die Sprossen, und ihre Augen trugen das Licht der aufgehenden Sonne.
Ihr Symbol: die weiße Blüte.
Dann kam die Mutter, die Liebende, mit einem Apfel in der Hand.
Sie nährte mit ihrer Wärme, trug Früchte im Schoß und Gedichte im Herzen.
Sie sprach: „Ich gebe, was ich bin, und darin werde ich mehr.“
Sie lehrte Umarmung, Lust, Liebe Hingabe - das saftige Ja zum Leben.
Ihr Symbol: der Apfel.
Dann kam die Magierin, geheimnisvoll wie Nebel im Herbst.
Sie hielt eine Mondsichel in der Hand, aus der Tropfen der Erinnerung fielen.
Sie sprach mit Krähen und Kräutern,
webte aus Licht Schatten und aus Schatten Licht.
„Ich bin die, die wandelt. Ich bin der Zauber zwischen den Welten.“
Ihr Symbol: die goldene Sichel.
Zuletzt trat die Weise Alte aus der Dämmerung.
Ihr Rücken war gebeugt vom Wissen, ihr Schoß leuchtete wie Glut unter Schnee.
In der Hand trug sie einen Spiegel - doch nicht, um das Äußere zu sehen, sondern um den Ursprung zu erkoren.
Sie sprach leise: „Ich bin die Krone aus allem, was war und ist.“
Ihr Symbol: der Spiegel.
So tanzten die Vier im Kreis. Immer wieder:
Frühling, Sommer, Herbst und Winter.
Gaia webte sie in Bäume, in Wellen, in die Gebärmütter der Frauen...
Und jede Frau trug sie in sich -
als innere Uhr, als weise leise Urkraft und innerer Kompass.
Als zyklische Wahrheit.
Doch in einer dunklen Zeiten mussten die Menschen den natürlichen Tanz ihrer kosmischen Heilkraft vergessen.
Sie verbannten die Magierin, verjagten die Alte, entmachteten die Mutter und verniedlichten das Mädchen.
Die Erde wurde verletzt. Die Mondin verhüllt. Der Zyklus unterdrückt.
Der goldene Fluss verleugnet.
Doch in einem kleinen Dorf, auf einer Hügelkuppe, las ein Mädchen in einem alten Buch…
Sie öffnete ihren Kalender mit den 13 Monden,
fühlte den Puls in ihrem Becken
und begann in ihrem Zyklus zu tanzen....