DIE MANDORLA-MYSTERIE DER SCHLANGE
Es heißt, bevor die Menschen Tempel aus Stein bauten,
gab es andere Heiligtümer.
Versteckt unter alten Eiben.
An Quellen im Wald.
In Höhlen, aus denen kühles Wasser sang.
Dort lebte die Schlange.
Nicht als Tier.
Sondern als Geist der Wandlung.
Man erzählte sich, dass sie die Hüterin jener Quelle sei,
aus der alles Leben hervorgeht.
Wenn ein Mensch den Weg verloren hatte,
erschien sie.
Nicht laut.
Nicht bedrohlich.
Sondern lautlos wie Mondlicht auf Wasser.
Sie führte die Suchenden hinab
zu den vergessenen Teilen ihrer Seele.
Dorthin,
wo die alten Wunden schliefen.
Dorthin,
wo die Erinnerung wohnte.
Die Frauen jener Zeit kannten sie gut.
Sie begegneten ihr in Träumen.
Auf ihren Wanderungen.
An heiligen Brunnen.
Sie wussten:
Wer der Schlange begegnet,
wird nicht derselbe bleiben.
Denn die Schlange besaß eine Gabe.
Sie konnte ihre Haut ablegen.
Immer wieder.
Und so wurde sie zur Lehrerin der Heilerinnen.
Sie zeigte ihnen,
dass Heilung nicht bedeutet,
jemand anders zu werden.
Sondern alles abzustreifen,
was niemals wirklich zu einem gehörte.
Angst.
Scham.
Fremde Geschichten.
Alte Fesseln.
Haut um Haut.
Schicht um Schicht.
Bis das wahre Wesen darunter wieder sichtbar wurde.
Darum trugen viele Göttinnen die Schlange an ihrer Seite.
Sie ruhte auf ihren Armen.
Wand sich um ihre Kelche.
Schlief zu ihren Füßen.
Sie war ihre Begleiterin.
Die Hüterin der Quelle.
Die Wächterin des verborgenen Wissens.
Die Erinnerung daran,
dass alles Leben aus der Tiefe geboren wird.
Doch mit den Jahrhunderten veränderten sich die Geschichten.
Man begann,
den Himmel höher zu achten als die Erde.
Den Verstand höher als die Weisheit des Körpers.
Das Licht höher als den fruchtbaren Schatten.
Und die Schlange wurde vergessen.
Aus der Hüterin wurde eine Verführerin.
Aus der Heilerin wurde eine Gefahr.
Aus der Weisheit wurde Misstrauen.
So verschwand sie aus vielen Tempeln.
Doch verschwinden konnte sie nie.
Denn niemand kann eine Quelle vertreiben.
Man kann sie verschütten.
Man kann sie verbergen.
Man kann ihre Existenz vergessen.
Doch tief unter der Erde fließt sie weiter.
Und manchmal,
wenn eine Frau beginnt,
sich an sich selbst zu erinnern,
wenn sie dem Ruf ihres Herzens folgt,
wenn sie ihre eigene Haut hinter sich lässt,
dann regt sich etwas Altes.
Etwas Goldenes.
Etwas Wildes.
Dann hebt die Schlange wieder ihren Kopf
aus dem Wasser der Quelle.
Nicht als Feindin.
Nicht als Versuchung.
Sondern als das,
was sie immer war:
Die Begleiterin der Göttin.
Die Hüterin der Quelle.
Die Heilerin.
Die Erinnerung daran,
dass wahre Wandlung niemals von außen kommt.
Sondern aus dem goldenen Fluss,
der seit Anbeginn der Zeit
durch jede Seele strömt.