DER HEILIGE KELCH

 Es gab mal eine Zeit,
 da trug eine Frau ihren Schoß
 wie ein Geheimnis aus Licht.
Nicht verborgen.
 Nicht geduckt.
 Nicht beschämt.
Sie trug ihre Gebärmutter
wie einen heiligen Kelch.
 Wie einen Gral in ihrer Körpermitte.
 Wie eine stille Krone unter der Haut.

 Die Gebärmutter war kein „Organ“.
 Sie war ein Tempel aus warmem Dunkel.
 Ein rotes Inneres,
 in dem die Welt noch weich war.
Ein Ort,
 wo ihr Blut geheiligt war.
Nicht schmutzig und beschämend.
Wo ihr Schmerz ein Tor war, nicht Problem.
 Und wo jede Welle,
 jede Flut,
 jede Ebbe
 Sprache war.
 
Wenn ein Kind gesegnet wurde,
dann segnete man die Gebärmutter mit.
Als Hüterin des Lebens.
 Man segnete die MANDORLA. 
Einen Zwischenraum.
Den Raum zwischen den Welten.

Hier berührt der Himmel die Materie
 wie ein Geliebter.
Und die Erde empfängt das Licht
 wie eine heilige Gabe.
Wo sie sich berühren
 entsteht ein Drittes.
 
Der Kelch ist warm.
 Er ist dunkel.
 Er ist weich.
 Er ist alt.
Er trägt Geschichte.
Tausender Generationen.
In seiner Tiefe.
 Wunden.
 Schweigen.
Scham.
 
Doch dahinter ein Leuchten.
Unversehrt.
Zart, ätherisch.
Das sanfte Licht der Göttin.
Leise. Weise.
Eine Göttin aus Blut und Atem.
 Aus Wildheit.
 Aus Rohheit und Ruhe.
 Aus der Fähigkeit,
 zu halten,
 ohne zu erstarren.
Zu empfangen,
 ohne zu verlieren.
Zu erschaffen,
 ohne zu kämpfen.
 
Sie schläft in jeder Frau.
 Auch in jener,
 die sie vergessen hat.
Auch in jener,
 die sich schämt.
Auch in jener,
die sich klein macht,
in jeder
 die nichts mehr fühlt.
Denn sie ist nicht „weg“.
 Sie ist nur tief.
 
Und manchmal…
 wenn eine Frau still wird,
 wirklich still,
 nicht nur im Außen
 -im Innen…
dann beginnt es.
Ein Ziehen.
 Ein Fühlen.
 Ein feines Glühen.
Als würde etwas im Unterleib
 die Augen öffnen.
 
Dann wird der Kelch wieder lebendig.
Nicht, weil er ein Kind tragen muss.
  -Weil er wieder
 sich selbst tragen darf.
Der heilige Kelch 
einer Frau die sich erlaubt
wahrhaftig zu sein,
beginnt zu leuchten, zu pulsieren, zu leben.
 
Die Weihe geschieht
durch ihr Inneres Empfinden.
Nicht durch Priester.
Nicht durch Dogmen
 Nicht durch Regeln.
 Nicht durch Erlaubnis.
Nur durch ein einziges inneres Ja.
Ein Ja,
 das nicht laut sein muss.
Ein Ja,
 das im Gewebe ankommt.
Ein Ja
zu sich selbst,
welches tief gefühlt ist.
DAS ist heil-ig.
 
Denn das ist das Mysterium:
Eine Frau,
die in ihrer Mandorla steht,
-ganz in ihrer Kraft-
zwischen Himmel und Erde,
und sagt:
Ich bin Ursprung.
 Ich bin Kelch.
 Ich bin Tor.
 Und ich trage das Licht
 Ich suche es nicht irgendwo
Ich fühle es in mir.